Ohne zweiten Mann klettern

Beim Klettern ist normalerweise der Sicherungspartner unerlässlich. Wenn er keinen Fehler macht, wird ein Sturz des Kletterers spätestens nach ein, zwei Metern vom Seil aufgefangen. Da der Kletterer aber aus Eigeninteresse meist selbst achtgibt, passiert das nur selten. Dennoch muss der Sicherungspartner immer wachsam sein, wenn Berufskletterer bei Arbeiten im Korrosionsschutz, bei der Wartung von Telekommunikationsmasten, im Freileitungsbau oder auf Kranauslegern im Einsatz sind. Jedenfalls war es bis vor kurzem so. Jetzt hat ein führender Hersteller von Absturzsicherungen den weltweit ersten automatischen Sicherungspartner auf den Markt gebracht. Dabei haben die Spezialisten eng mit einem jungen Münchner Unternehmen zusammengearbeitet. Mit Hilfe des Sicherungssystems kann der Kletterer die Höhe auch ohne zweiten Mann sicher erklimmen. Zwei leistungsfähige DC-Kleinstmotoren spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Die Geschichte des elektronischen Sicherungspartners EPIC (Electronic Partner for Individual Climbing) begann vor sieben Jahren an der Hochschule Regensburg. Florian Widmesser, Ingenieurstudent und begeisterter Kletterer, entwickelte dort das Konzept der automatischen Sicherung im Rahmen seiner Diplomarbeit. Schon in dieser Phase hat der Antriebsspezialist FAULHABER (vgl. Firmenkasten) den Erfinder mit Motoren-Know-how unterstützt. Zusammen mit dem Diplom-Kaufmann Jan Lohse gründete Widmesser dann 2011 die Auroco GmbH. Mit der Idee, eine vollautomatische Seilsicherung für das Klettern in der Industrie und im Freizeitbereich auf den Markt zu bringen, gingen die beiden Gründer auf Skylotec zu. Das Unternehmen aus Neuwied gehört zu den führenden Herstellern von Persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz und Sicherungssystemen in den Bereichen Sport und Industrie. Ein Jahr später entstand der erste Prototyp und 2014 bestätigte die DEKRA-Zertifizierung die Zuverlässigkeit der neuartigen Sicherungstechnik. Inzwischen ist die Firma dank Crowd-Investing und großer Resonanz kräftig gewachsen. Die Einsätze des Gerätes in der Praxis und der Vertrieb für die verschiedenen Anwendungsbereiche werden bei Skylotec zurzeit forciert.

Sicherheit bei Vorstieg, Nachstieg und beim Abseilen

EPIC ist das erste automatische Sicherungssystem für Kletterer, das den Vorstieg, den Nachstieg und das Abseilen mechatronisch bewältigen kann. Das steckt hinter den Fachbegriffen: Beim Vorstieg befestigt der Kletterer das Seil auf dem Weg nach oben selbst etwa alle zwei Meter an einem Sicherungshaken. Der Sicherungspartner steht unten und hält das Seil. Sollte der Kletterer abgleiten, fällt er nur soweit, bis der nächsttiefere Haken ihn hält. Beim Nachstieg folgt er einem Seil, das bereits oberhalb der zu kletternden Route befestigt wurde und vom Sicherungspartner nach oben gezogen wird.<br/> Diese Aufgaben übernimmt nun der automatische Kletterassistent. Für den Vorstieg wird die kleine Maschine in Bodennähe befestigt. Das kann beim stationären Einsatz – etwa in einer Kletterhalle – mit Schrauben oder Klickverschlüssen an einer Wand geschehen. Für die mobile Nutzung gibt es eine Klemmvorrichtung. Mit ihr lässt sich das Sicherungssystem an beliebigen festen Strukturen wie dem Fuß eines Strommasten anbringen.

Das backsteingroße Gerät kontrolliert das Seil mithilfe zweier Motoren.

Zwei Motoren kontrollieren das Seil

Das backsteingroße, für den mobilen Akkubetrieb ausgelegte Gerät kontrolliert das Seil dann mithilfe zweier Motoren. Einer wickelt das Seil auf, der andere übernimmt das Bremsen. Beim Begehen eines Funkmastes oder eines Kranauslegers kann der Anwender das Sicherungsseil über das EPIC ausziehen und über einen Befehl per Fernbedienung automatisch wieder einziehen lassen. Das ist wichtig, um Schlaffseil zu vermeiden und dadurch die mögliche Sturzhöhe auf ein Minimum zu reduzieren. Im Nachstieg – also wenn der Kletterer dem herabhängenden Seil folgt – kann er wählen, ob der Motor das freiwerdende Seil auf Kommando oder automatisch nachziehen soll. Grundsätzlich verwenden Anwender eine Fernbedienung, die einfach am Arm befestigt wird. So lässt sich das Seil an jeder beliebigen Stelle blockieren, um zu arbeiten oder eine Pause einlegen zu können. Die zweite Person kann nun in Rufnähe ebenfalls Arbeiten durchführen – und im Notfall reagieren.
Beim Abseilen lässt die Bremse das Seil automatisch mit einer definierten Geschwindigkeit von der Rolle, der Kletterer kann sich dadurch unkompliziert abseilen. Der Bremsmotor ist aber auch für die Sicherung zuständig. Bei einem Sturz sendet ein Sensor binnen 30 Millisekunden ein Notsignal an das Sicherungsgerät, das daraufhin die Bremse betätigt.
Auf ein einziges System verlassen sich die Entwickler selbstverständlich nicht. Stattdessen ist die Sicherung mehrfach redundant ausgelegt. Im Sturzfall blockiert das EPIC mittels drei Sensoren und einer unabhängigen, redundant wirkenden Fliehkraftbremse. Hängt der Anwender nach einem Sturz handlungsunfähig oder gar bewusstlos im Seil und muss gerettet werden, kann der Kollege mit einer zweiten Fernbedienung die automatische Abseilung auslösen. Sollte keine zweite Fernbedienung zur Hand sein, kann er dagegen mit einem Rettungsschlüssel eine Notfallentriegelung aktivieren. Dieser Mechanismus funktioniert unabhängig von der Elektronik und wird direkt am EPIC von der zweiten Person ausgelöst.

Überhöhte Drehzahl als Herausforderung für die Antriebstechnik

Die hohe Drehzahl, die bei einem Sturz auf den Seilmotor einwirkt, war eine der Herausforderungen an die Antriebstechnik. Bis zu 25.000 Umdrehungen pro Minute können eine weniger hochwertige Wicklung in kürzester Zeit zerstören. Dazu erklärt Andreas Eiler, der bei FAULHABER für die Betreuung von Auroco zuständig ist. „Ein starker Motor liefert die Kraft für das Abseilen und Bremsen. Er trägt das Gewicht des Kletterers mit seinem Haltemoment.“
Die einwandfreie Funktion der Antriebskomponenten ist beim automatischen Sicherungspartner lebenswichtig. Die DEKRA-Zertifizierung belegt, dass die Antriebe auch unter den harten Bedingungen, die beim Klettern die Regel sind, zuverlässig funktionieren. Weder starke Erschütterungen noch extreme Temperaturen beeinträchtigen die Funktion. Das Gerät ist für die Industrie gemäß EN 341 als Abseilgerät zum Einsatz in Kombination mit PSA gegen Absturz zertifiziert. Mit SKYLOTEC und über das bereits bestehende Vertriebsnetzwerk des Herstellers haben die beiden Gründer nun begonnen, den Markt zu erobern. Die ersten Interessenten kamen nicht aus den vertrauten Kreisen der Sportkletterer, sondern aus der Industrie. Allein in Deutschland stehen über 300.000 Strommasten, die regelmäßig gewartet werden müssen. Dazu kommen immer mehr schwer zugängliche Anlagen wie beispielsweise Kranausleger. Mit dem EPIC können die Unternehmen die Kosten für die vorgeschriebene Sicherung deutlich reduzieren. Denn die Person, die zuvor fast ausschließlich für die Sicherung ihres kletternden Partners verantwortlich war, kann nun in Rufnähe ebenfalls Arbeiten durchführen. Das steigert die Effizienz. Auch Kletterhallen und Hochseilgärten sind potenzielle Abnehmer, an der Weiterentwicklung des Geräts fürs sportliche Klettern wird kräftig gearbeitet. Außerdem wird an einer Smartphone-App getüftelt, welche die gekletterten Kilometer, Geschwindigkeit, Höhenmeter, Energieverbrauch, Sturzhöhe, Sturzanzahl und Belastungswerte erfasst und analysiert. Jan Lohse ist überzeugt: „Unser Gerät wird das Klettern, sowohl das sportliche als auch das professionelle, gründlich verändern.“ Dazu leisten die kleinen DC-Motoren, die das Seil kontrollieren, einen wesentlichen Beitrag.

Die EPIC-Lösung ist ein vollautomatisches, elektronisches Seilsicherungssystem. Das Gerät ist akkubetrieben und daher mobil einsetzbar. Der Kletterer steuert es über eine Fernbedienung und ist immer 100% gesichert.